Brasilien – Universidade Federal de Ouro Preto

Ich habe mein neun wöchiges IAESTE Praktikum im Fachbereich Physik in der schönen kleinen Stadt Ouro Preto in Minas Gerais absolviert. Bevor es losging war einiges zu erledigen: Ich musste den Flug buchen, eine Auslandsversicherung organisieren, den Fahrkostenzuschuss beantragen und vieles mehr. Am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat mir die Frage, ob ich nun ein Visum brauche oder nicht. Auf der Seite der brasilianischen Botschaft ließ sich nichts spezielles über Kurzzeitpraktika finden und ansonsten fand ich nur widersprüchliche Aussagen. Erst vor Ort kam dann die Gewissheit: Für Praktika unter 90 Tagen, auch wenn sie bezahlt sind, braucht man als Deutscher kein Visum, weil es ein spezielles Abkommen gibt.

Jedem der nach Brasilien reist, würde ich empfehlen, so viel wie möglich ins Handgepäck zu stecken. Mein Koffer hat nämlich leider den Flug über den Atlantik erst einen Tag nach mir geschafft und musste mir dann per Post nachgeschickt werden. Ganze zweieinhalb Wochen hat das mit Correios Brasil gedauert.

Die Reise an sich war aber sehr angenehm. Nach drei Flügen kam ich spät abends in Belo Horizonte an und weil um die Zeit keine Busse mehr nach Ouro Preto fuhren, konnte ich bei einer IAESTE Freiwilligen übernachten. Bei ihr habe ich am nächsten Morgen ein richtig typisches Frühstück bekommen, Pão de Queijo (Brotbällchen aus Maniokmehl mit ganz viel Käsefüllung) und Papaya (die sehr viel besser schmeckt, als hier in Deutschland). Danach hat sie mich zum Busbahnhof gebracht und mir geholfen ein Ticket zu bekommen (Zugverbindungen gibt es in Brasilien so gut wie gar nicht; aber das Fernbussystem ist sehr gut ausgebaut).

Zweieinhalb Stunden später kam ich an und wurde direkt von meiner Gastgeberin Camila abgeholt. Mit einem Taxi, das nur 2,70R$ (ca. 0,70€) für alle Strecken in der Stadt kostet, ging es durch die hügelige Altstadt und dann den Berg hinauf zu ihrer Republica.

Die Republicas in Ouro Preto sind ähnlich wie die Studentenverbindungen in den USA, wie man sie aus College-Filmen kennt. Es gibt Aufnahmerituale, eigene Embleme und Hymnen und das gesamte Nachtleben der Kleinstadt spielt sich in den unterschiedlichen Unterkünften ab. Da ich nur zwei Monate dort sein sollte, musste ich mich keiner Aufnahmeprozedur unterziehen und habe einfach so einen Platz im Doppelzimmer bekommen.

Ein Wochenende lang hatte ich dann Zeit die Stadt etwas kennenzulernen und mich zu aklimatisieren. So viel wärmer war es dort jedoch nicht, weil die Stadt zu Kolonialzeiten extra so errichtet wurde, dass das Klima dem in Portugal nahe kommt. Dass der Goldrausch im 18. Jahrhundert in den Bergen um Ouro Preto (schwarzes Gold) begann, ist immer noch gut an den vielen prunkvollen Gebäuden erkennbar. Die Innenstadt bietet eine erfreuliche Abwechslung zu den Stadtzentren hier in Europa, da man nicht an jeder Ecke auf MCDonalds, Sarbucks, H&M und co. trifft.

Am Montag ging es für mich dann zum ersten Mal in die Universidade Federal de Ouro Preto. Das Gebäude für Naturwissenschaften war gerade einmal fünf Minuten zu Fuß von meiner Unterkunft entfernt. In der ersten Zeit habe ich etliche Paper zu lesen bekommen, um mich noch weiter in das Thema Quanten-Psychologie einarbeiten zu können und um gemeinsam entscheiden zu können, mit welchem Teilgebiet wir uns näher beschäftigen wollen. Da der Professor nicht täglich da war, musste ich auch nicht täglich kommen und konnte von „zu Hause“ aus arbeiten. Es hat mir sehr gefallen, dass das Projekt erst begann, als ich ankam und ich so am Findungsprozess für die genaue Forschungsfrage mitwirken konnte. Während wir zu Beginn uns noch mit der Beschreibung des Humors mit Hilfe der Quantentheorie beschäftigen wollten; sind wir letztendlich zu der Entscheidung gekommen die Theorie von Carl Jung über psychologische Typen komplexer mit zwei Qubits zu beschreiben, als bereits in einem anderen Paper geschehen, und die Schlüssigkeit dieses Modells experimentell mit Persönlichkeitstests zu belegen. Außerdem haben wir uns damit beschäftigt, die Fähigkeit eines Menschen, mit widersprüchlichen Aussagen umzugehen, quantentheoretisch zu beschreiben und wir wollten überprüfen, ob der Persönlichkeitstyp eines Menschen dazu im Zusammenhang steht.

Dieser Prozess hat relativ viel Zeit in Anspruch genommen, da wir immer wieder darüber diskutiert haben, wie genau unterschiedliche psychologische Aspekte am sinnvollsten physikalisch ausgedrückt werden können.

Als die Theorie endlich stand, haben wir uns darüber Gedanken gemacht, wie die Befragung am besten durchzuführen sei und wie die Fragen formuliert werden sollten. Das hat erneut länger gedauert als zunächst gedacht. So konnten wir erst in meiner letzten Woche in Ouro Preto mit den Tests beginnen. Ich denke dennoch, das mein Projekt für dortige Verhältnisse gut vorangekommen ist. Von Vorteil war, dass die Arbeitsgruppe nur aus dem Professor und mir bestand und somit für brasilianische Verhältnisse sehr produktiv war.

Von etlichen anderen Praktikanten habe ich gehört, dass sie wenig zu tun bekamen und veraltete Ausstattung den Arbeitsfluss im Labor noch stark gehemmt hat. Man muss also nicht wirklich erwarten ein besonders anspruchsvolles oder produktives Praktikum zu haben. Insbesondere ist die derzeitige politische Lage auch Schuld daran, da im Moment kaum noch in die Wissenschaft investiert wird.

Das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studenten ist allgemein viel persönlicher als hier. Es wird sich zur Begrüßung umarmt und alle reden sich gegenseitig mit Vornamen an.

Während der Arbeit war von einer Sprachbarriere kaum etwas spürbar, da der Professor längere Zeit in den USA verbracht hat und somit fließend Englisch sprach. Generell ist es aber von Vorteil, wenn man sich bemüht etwas portugiesisch zu lernen, denn selbst am Flughafen trifft man kaum Leute, die eine andere Sprache sprechen.

In der Mensa konnte man für weniger als einen Euro Mittag und Abendbrot essen. Trotz langer Schlange konnte man sich relativ seine Portion Reis mit Bohnen und wechselnden Beilagen auffüllen. Obwohl es wirklich jeden Tag Reis und Bohnen gab, war es mir nach zwei Monaten immer noch nicht über und mittlerweile vermisse ich es sogar. Außerdem zählen Acai, Brigadeiro, Pacoca, Tapioca, Pao de Queijo, … jetzt zu meinen Lieblingsspeisen. Auch das Obst war sehr lecker und zudem sehr günstig. Andere Dinge hingegen waren viel teurer als hier, sodass das Preisniveau insgesamt ungefähr dasselbe war.

Durch meine flexiblen Arbeitszeiten war es kein Problem an den Wochenenden zu reisen und diese auch mal um ein oder zwei Tage zu verlängern. Von den vielen IAESTE Freiwilligen in den unterschiedlichsten Städten Brasiliens wurde fast jedes Wochenende irgendwo ein Unternehmungswochenende organisiert und auch wenn man einfach so eine Stadt dort besuchen möchte, gibt es sicherlich den ein oder anderen Freiwilligen, der sich darüber freut einen Praktikanten aufnehmen zu können. Dort muss man nämlich Punkte sammeln, um ein Pratikum im Ausland zu bekommen, und die verdient man, in dem man Praktis abholt, bei sich unterbringt oder Aktivitäten veranstaltet (das kann teilweise ziemlich unangenehm sein…).

Während der Wochenenden in Ouro Preto, Lavras Novas, Belo Horizonte, Rio de Janeiro, auf Wanderung bei Vicosa, Capitolio und Sao Paulo konnte ich nicht nur viele Freundschaften mit Brasilianern knüpfen, sondern auch mit etlichen Leuten aus ganz Europa.