Brasilien - UNESP Assis
Praktikum
Als ich mich als Studentin der Biowissenschaften für das Praktikum in Assis beworben habe, entnahm ich der etwas knappen Beschreibung, dass es um Untersuchungen der Mechanismen der Immunantwort gehen würde und da es für Biologiestudenten ausgeschrieben war, bin ich davon ausgegangen, dass ich im Labor tätig sein würde. Später stellte sich heraus, dass ich rein theoretisch und für einen Physik-Professor arbeiten sollte.Wie schon aus anderen Erfahrungsberichten bekannt, war das Praktikum „brasilianisch“ entspannt, wobei ich tatsächlich an einem Thema gearbeitet habe. Andere IAESTE-Studenten, die ich hier auf dem Campus getroffen habe, hatten nämlich nicht so viel Glück und hatten eigentlich gar nichts zu tun. Mein Professor war allerdings sehr bemüht, mir eine spannende Aufgabe zu geben und mir die theoretische Arbeit näher zu bringen. So habe ich vor allem nach wissenschaftlichen Publikationen recherchiert und Bücher zur Immunologie studiert. Zum Schluss habe ich meine Ergebnisse in einen wissenschaftlichen Text verfasst, der in naher Zukunft für ein wissenschaftliches Paper verwendet und bei dem ich als Co-Autor genannt werden soll.
Ich habe mich hauptsächlich mit dem Thema „Post-traumatic stress disorder (PTSD)“ befasst und die Plasmawerte bestimmter immunologischer Proteine, die Cytokine genannt werden, von PTSD-Patienten mit denen von Menschen, die ein Trauma erlitten haben, jedoch nicht an PTSD leiden, sowie von nichttraumatisierten Personen verglichen. Im Großen und Ganzen ging es darum, ein Modell zu erstellen, in dem der Zustand des psychologischen Apparats und des Immunsystems eines Menschen miteinander verglichen wird und sich zeigt, dass der psychologische Apparat und das Immunsystem Subsysteme eines Individuums sind und bei Störung gleichwertig beeinflusst werden. Das bedeutet, wenn sich der psychologische Apparat destruktiv zeigt, z.B. durch Stress, Depression oder gar Demenz, kann man diese Destruktivität z.B. auch im Immunsystem beobachten. Ein weiteres Beispiel, an dem ich nur für eine kurze Zeit gearbeitet habe, ist, dass AIDS-Patienten, die also an einer Immundefizienz leiden, mit höherer Wahrscheinlichkeit an Depression erkranken, was selbstverständlich durch die Kenntnis von der Krankheit beeinflusst wird.
Ich hatte ein sehr gutes und persönliches Verhältnis zu meinem Professor. Er hat mich des Öfteren zum Mittagessen mit seiner Familie eingeladen und auch in unseren Gesprächen haben wir über Dinge außerhalb der Arbeit gesprochen. Sein Englisch war manchmal etwas mühsam zu verstehen, aber mit Hilfe von Google Translator konnten wir Verständigungsschwierigkeiten überwinden. Ich hatte ansonsten mit keinem weiteren Mitarbeiter zu tun, nur mit einem Freund meines Professors, einem Psychologie-Professor, der ebenfalls an dem wissenschaftlichen Paper mitwirkt.
Alltag in Brasilien
Ich bin bereits eine Woche vor Praktikumsbeginn angereist und wurde wirklich sehr herzlich empfangen. Am Flughafen in São Paulo wurde ich von einem brasilianischen IAESTE-Studenten abgeholt, wobei er etwas spät dran war und ich aus lauter Verzweiflung einen Briten angesprochen habe, um den Studenten anzurufen. Er war aber sehr nett, hat mich zum Busbahnhof gebracht und mir geholfen, meine Fahrkarte nach Assis zu kaufen. Nach 7-stündiger Busfahrt kam ich endlich an mein Ziel und wurde von meiner zukünftigen Mitbewohnerin und einem ihrer Freunde begrüßt. Ich muss sagen, ich hatte sehr viel Glück mit meiner Unterkunft, denn meine Mitbewohnerin hat in einer Wohnung allein gewohnt und mir mein eigenes kleines Zimmer zur Verfügung gestellt. Es war alles sehr ordentlich und sauber. Ein weiterer Luxus war, dass alle zwei Wochen eine Frau kam, die die Wohnung geputzt hat; Wäschewaschen und Geschirrabwaschen haben wir selbst gemacht. Andere IAESTE-Studenten haben dagegen in sogenannten „repúblicas“ gewohnt, das sind kleine Häuser, in denen mehrere Studenten wohnen, und haben dort ein Zimmer mit jemandem geteilt. Ich habe in meiner Zeit in Brasilien nicht viel gekocht, da meine Mitbewohnerin und ich meistens Mittag in der Universitätskantine oder anderswo auswärts gegessen haben. Kochen wäre sicher billiger gewesen, wobei die Lebensmittel hier in Brasilien im Allgemeinen nicht günstiger als in Deutschland sind, wie man eventuell annehmen könnte.Das monatliche Taschengeld war allerdings zu knapp: Miete und Lebensmittel können damit gerade so gedeckt werden, wenn man sehr spartanisch lebt. Für weitere Lebenshaltungskosten zur Freizeitgestaltung und Kosten für die Anreise muss man selbst aufkommen. Und wer durch das Land reisen will, muss selbstverständlich auch ein entsprechendes Budget mitbringen. Allerdings kann ich sagen, dass es sich lohnt. Ich habe zum Beispiel das Pantanal und die Iguaçú-Wasserfälle besucht und kann nur sagen, dass es jeden Centavo Wert war!
Meine Mitbewohnerin hat mich gleich ihrem Freundeskreis vorgestellt und mit Studenten des „Biotechnological Engeneering“ waren sie auch nicht so weit entfernt von meinem Fach. Die meisten haben gutes Englisch gesprochen oder zumindest versucht, sich mit mir zu verständigen. Fast alle waren sehr nett, offen und interessiert und ich habe mich unter ihnen sehr wohl gefühlt. Wir haben Vieles zusammen gemacht, ob nun eine Party oder zusammen Essengehen, und ich habe hier tatsächlich Freunde gewonnen, mit denen ich auch nach meinem Aufenthalt in Kontakt bleibe.
Das Essen und Trinken hier ist, man kann schon sagen, brasilianisch. Es gibt vielleicht nicht unbedingt das brasilianische Gericht, denn alles ist durch die unterschiedlichen Nationalitäten, die das Land bevölkert haben, beeinflusst, und es ist keine raffinierte Küche. Aber es gibt viele leckere Sachen, die man probieren muss, vor allem wenn man Süßes mag. In den Straßen kann man viele kleine herzhafte Snacks und Fingerfood kaufen, die für Brasilien vermutlich am typischsten sind: Pastel, Esfiha, Coxinha etc. Die Süßigkeiten sind oft sehr süß und beinhalten fast immer die berühmte „leite condensado“ (gezuckerte Kondensmilch). Dagegen ist das herzhafte Essen oft ordentlich gesalzen und es wird so gut wie kaum Pfeffer zum Würzen verwendet. Getrunken werden hier gerne frisch gepresste Säfte, die auch nicht so teuer sind, Sodas und auf Partys vor allem Bier, Wodka-Mixgetränke, aber auch der brasilianische Cachaça, mit dem der berühmte Caipirinha gemacht wird.
Was die Sicherheit betrifft, kann ich von keinen schlechten Erfahrungen berichten, denn Assis ist als Kleinstadt weitgehend sicher gewesen, wobei man, vor allem als Frau, nachts nicht allein auf den Straßen herumlaufen sollte und jedes Haus fast wie ein Hochsicherheitsgefängis gesichert wird; auch unser Apartmentkomplex hatte einen Pförtner. Großstädte sind weitaus gefährlicher und fast jeder Polizist oder Wachmann in jeder noch so kleinen Provinz, dem ich begegnet bin, trug eine schusssichere Weste und Schusswaffe. In meinen Gesprächen mit Brasilianern über politische Themen war Kriminalität neben Schulbildung ihrer Meinung nach das größte Problem in Brasilien.
Der Transport durchs Land beschränkt sich eigentlich auf den Bus und das Flugzeug. Auch im Bus sollte man auf seine Wertsachen aufpassen, aber ich habe mich dort weitgehend sicher gefühlt. Es ist ganz praktisch, bei langen Strecken einen Nachtbus zu nehmen. Die Sitze sind komfortabel und kann man zum Schlafen weit zurücklehnen. Es gibt im hinteren Teil meist einen Wasserspender und eine Toilette. Man sollte allerdings immer warm angezogen sein, denn die Klimaanlage läuft oft auf Hochtouren.
Zu guter Letzt: die Sprache. Brasilianisches Portugiesisch ist eine wundervolle Sprache, allerdings auch nicht sehr einfach. Jedoch sollte man sich im Voraus einige Grundkenntnisse aneignen, denn außerhalb der Universität findet man eher weniger Menschen, die Englisch beherrschen. Und zudem freut es die Menschen, wenn man versucht ihre Sprache zu sprechen.