Weißrussland - Belarusian State University of Informatics and Radioelectronics
IAESTE Belarus Erfahrungsbericht
Am 03.09.2018 habe ich zum ersten Mal belarussischen Boden betreten. Der Flughafen von Minsk ist überraschend klein und gut organisiert. Entgegen meiner Befürchtungen hatte ich keinerlei Probleme bei der Passkontrolle und wurde nach kurzer Inspektion meines Visums hindurch gewinkt. Schon hier ist auffällig, dass viele Mitarbeiter in grünen ordentlichen Uniformen herumlaufen. Die sogenannte Міліцыя1 trifft man in Belarus nicht nur am Flughafen an, sondern gelegentlich auch innerhalb der Stadt. Im Normalfall wird man jedoch nicht weiter beachtet und ihre Präsenz habe ich nicht als negativ wahrgenommen. Im Gegenteil wurde mir von einigen Belarussen berichtet, dass sie sich dadurch auch nachts um einiges sicherer fühlen und die Kriminalitätsrate im Land niedrig liegt.
Der Flughafen befindet sich etwa eine Stunde vom Dorm Nr. 3 der BSUIR2 entfernt. Hier sind vor allem ausländische Studenten untergebracht. Nachdem ich mich im Vorfeld mit dem belarussischen IAESTE Komitee in Verbindung gesetzt hatte, wusste ich, dass der Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln problematisch ist. Dankbar nahm ich deshalb das Angebot an, für 30 Euro mit einem Mietwagen direkt zum Wohnheim gefahren zu werden. Das IAESTE Komitee von Minsk besteht ganz anders als in Deutschland nur aus Kristina Gritzik, die sich um alle organisatorischen TODOs kümmert. Unter anderem habe ich von ihr vorher einen IAESTE Belarus Mini Guide per Mail zugesandt bekommen, sie hat sich um die Erstellung des Einladungsschreibens für das Visum gekümmert, die Arbeitserlaubnis und Registrierung im Land organisiert und sie war Ansprechpartnerin, als es um die Auszahlung des Gehalts ging. Bei Fragen bezüglich des Praktikums war sie vor allem vor Reiseantritt eine engagierte Hilfe und hat immer zeitnah auf Mails geantwortet.
Den Mini Guide, den man von ihr bekommt, sollte man sehr sorgfältig lesen und auch ernst nehmen! So ist es vor allem wichtig, dass man das Einreisedatum nicht auf ein Wochenende fallen lässt, da sich andernfalls der Einzug ins Wohnheim schwierig gestaltet. Des Weiteren befindet sich im Wohnheim keinerlei Küchenausstattung, so dass man von Zuhause im besten Fall ein paar Töpfe und Geschirr einpacken sollte, falls man den Wunsch zu kochen verspürt. Da ich mich vegan ernähre und die Küche in Belarus sehr reich an Fleisch und Käseprodukten ist, hatte ich mangels Küchenuntensilien in den ersten Tagen eine kleine Herausforderung zu meistern. Nach und nach konnte ich das Problem aber lösen. Neben mir waren für den September vier weitere Praktikanten für die BSUIR in Minsk. Die auf vier Personen ausgelegte Wohneinheit teilte ich mir mit zwei Mädchen aus der Türkei und Indien, in der Wohneinheit neben uns waren die Jungs aus Polen und Belgien untergebracht. Letztere hatten Töpfe dabei, wodurch man dann doch gelegentlich zusammen kochen konnte. Im nahe gelegenen Riga Supermarkt sowie im Preston gab es eigentlich alles, was dafür notwendig war. Sogar Pflanzenmilch konnte ich dort finden und das Frühstück war gerettet! Für die Mittagszeit kann ich Monkey Food, Om Namo und Лидо empfehlen, wenn man als Veganer in Belarus einmal Hunger verspürt. Auch Иль Патио konnte vegane Optionen anbieten und die Pizza dort hat uns allen richtig gut gefallen. Aus Deutschland war ich es gewohnt, dass Essen gehen unter 15 Euro eigentlich kaum machbar ist. Im Restaurant haben wir hier immer zwischen 8 und 14 BYN Rubel bezahlt, was ungefähr 4 bis 7 Euro entspricht und somit aus unserer Perspektive sehr günstig ist. Diese niedrigen Preise lassen sich auch in anderen Bereichen finden, ganz besonders bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Für einen ganzen Monat uneingeschränkte Nutzung in Bus, Metro und Trolleybus3 habe ich umgerechnet nur 22 Euro bezahlt. Der Preis für eine Zugfahrt zum Großen See von Minsk liegt bei unter einem Euro. Mit meinem Gehalt von 300 BYN (etwa 123 Euro) bin ich daher recht weit gekommen, auch wenn der gesamte Monat inklusive Ausflügen natürlich nicht vollständig dadurch gedeckt wurde.
Die Praktika an der BSUIR wurden locker gehandhabt. Nicht selten wurde uns gesagt, dass wir uns auch mal einen Tag frei nehmen können, um unseren touristischen Pflichten nachzukommen. Wenn es etwas zu tun gab, dann war man trotzdem meistens nur etwa vier Stunden beschäftigt und konnte den restlichen Tag anderweitig nutzen. In meinem Praktikum hatte ich den Luxus, dass mein Betreuer sehr bemüht war, alles auf meine Wünsche abzustimmen. Gearbeitet in dem Sinne habe ich dabei gar nicht, sondern er hat mich gefragt, was ich gern lernen würde und wie viel Zeit ich für das Praktikum investieren möchte. Demnach habe ich mich die ersten zwei Wochen mit 3D Modellierung in Fusion 360 beschäftigt und ein Modell einer Windmühle angefertigt, welches wir mit einem 3D Drucker sogar selbst herstellen konnten. In der zweiten Hälfte meines Praktikums habe ich mich mit der Programmierung von Mikrocontrollern in C beschäftigt. Dafür hat mein Betreuer mir einige Beispielprogramme zur Verfügung gestellt und mir so viele kleine Projekte gegeben, wie ich denn wollte. Regelmäßig kam er vorbei, um sich zu vergewissern, ob ich irgendwelche Fragen habe. Für mich persönlich war diese Art des Lernens enorm hilfreich und die Erfahrung ausschließlich positiv.
Am ersten Arbeitstag habe ich eine belarussische Studentin kennengelernt, die vom Leiter des Departments gebeten wurde Übersetzunghilfe zu leisten. Mit Englisch kommt man im normalen Betrieb in Belarus leider selbst in der Universität nicht besonders weit und da meine Russischkenntnisse nicht über die Basics hinausgehen, war sie eine große Hilfe. Mit ihr haben wir den Monat über dann auch Minsk und Umgebung erkundet. Es gab viel zu sehen! Neben den vielen eindrucksvollen orthodoxen Kirchen waren wir in einigen Parks. Der Victory Square und das Museum des Zweiten Weltkrieges, der hier als der Große Vaterlandskrieg bezeichnet wird, sind auf jeden Fall einen Besuch wert. Gleiches gilt für das Болбшой театр Беларуси4, wo wir für nur 5 Euro das Ballett zu Schwanensee angesehen haben. Außerhalb von Minsk haben wir an den Wochenenden die Stadt Гродно (Grodno) und das Dorf Дудутки (Dudutki) besucht. Erstere ist die fünft größte Stadt von Belarus und liegt in der Nähe der polnischen Grenze. Dudutki hat ein outdoor Museum, eine alte Kirche und eine Windmühle zu bieten.
Insgesamt war mein Aufenthalt in Minsk rundum positiv. Die Leute hier tragen zwar nicht 24 Stunden am Tag ein Lächeln auf den Lippen, sind jedoch stets hilfsbereit und entgegenkommend. Vor allem die Damen, die tagsüber zur Kontrolle der Besucher im Wohnheim sitzen, können gesprächig sein – auch wenn sich das aufs Russische und Zeichensprache beschränkt. Irgendwie kann man sich immer verständigen! Touristen findet man in Belarus ungewohnt selten. Daher ist es unserer Gruppe häufiger passiert, dass man sich interessiert nach unseren Herkunftsländern erkundigte und nachfragte, warum wir denn gerade nach Belarus reisen wollten. Zweimal hörte ich von älteren Leuten in gebrochenem Englisch: „It is so nice to hear some English!“ Sehr niedlich!
1 die belarussische Schreibweise für Milizia
2 Belarusian State University of Informatics and Radioelectronics
3 Busse, die auf der normalen Straße fahren, aber in Anteilen über eine Oberleitung mit Energie versorgt werden
4 das große Belarussische Theater