Japan - Sony Computer Science Laboratories, Inc.
Praktikumsbericht
Vor dem Bachelorstudium schrieb ich einmal im Zuge einer Bewerbung auf die Frage, welchen Berufsweg ich in der Computerlinguistik einschlagen wolle, dass ich auf eine Forschungsposition im Bereich künstlicher Intelligenz hoffe. Das Praktikum bot mir die Möglichkeit, diese Idee an der Realität zu prüfen. Vier Monate Projektarbeit in einem Labor für künstliche Intelligenz und der Austausch mit Wissenschaftler*innen und anderen Praktikant*innen erlaubten einen Einblick in den Arbeitsalltag der Forschung. Nebenher konnte ich durch den Standort Tokyo eine andere Kultur und die Perspektive, im Ausland zu arbeiten, entdecken.
Projekte und Wissenszuwachs
Während meines Aufenthalts in Tokyo arbeitete ich an zwei verwandten Projekten aus dem Bereich Natural Language Processing und Datenanalyse. Mir wurde nicht nur wertvolle Programmierpraxis und die Möglichkeit, neue Aufgabenbereich kennen zulernen, geboten. Auch sollte aus den Erkenntnissen meiner Arbeit schließlich ein Paper verfasst werden, was das letzte Drittel meines Praktikums einnahm und eine spannende Herausforderung für mich darstellte. Für Praktikant*innen erfordert die Struktur des Labors selbstständiges Arbeiten. Regelmäßige Besprechungen der Projektgruppe dienten dazu, Fragen und die nächsten Schritte zu klären, ansonsten wurden die Details der Projekte jedoch vorrangig von den Praktikant*innen vorangetrieben. Diesen Modus empfand ich persönlich als angenehm, da mit eigenständigem Arbeiten auch ein Spielraum in der Schwerpunktsetzung kam. Zudem profitierte ich von der Gesellschaft älterer Praktikanten, die sich bereits im Masterstudium oder PhD befanden und mir bei technischen Fragen zur Seite stehen konnten.
Arbeitsumfeld
Als Arbeitgeber bietet meine Praktikumsstelle seinen Forscher*innen viel Freiraum. Die Projekte im Labor reichen von Robotik oder Human Augmentation über Lichtinstallationen bis hin zu nachhaltiger Landwirtschaft - alle haben gemeinsam, auf die eine oder andere Weise mit künstlicher Intelligenz zu arbeiten. Auch für einen kürzeren Aufenthalt ergibt sich ein spannendes Umfeld: Die Forscher*innen sind gerne bereit, einen Einblick in ihre Arbeit zu geben und es finden regelmäßig Vorträge von internen oder geladenen Wissenschaftler*innen statt, deren Arbeit manchmal fast nach Science Fiction klingt. Der einzige Wermutstropfen im Alltag war, dass ich im Büro kaum Kontakt zu Japaner*innen hatte, sondern mich fast ausschließlich unter internationalen Forscher*innen und Praktikant*innen bewegte. Auch schien das Unternehmen mit flexiblen Arbeitszeiten, flachen Hierarchien und verhältnismäßig lockerem Dresscode alles andere als ein typisch japanisch zu sein.
Leben und Freizeit
Für mich war das Praktikum die erste Reise außerhalb Europas und damit auch die erste Gelegenheit, in das Leben einer so fremden Kultur einzutauchen. Vom lokalen IAESTE-Team wurde ich in einem Wohnheim untergebracht, das sich als echter Glücksgriff erwies. Knapp zwanzig Personen bewohnten das moderne Gebäude, jeder hatte ein eigenes Schlafzimmer, während Bäder, Küche und Wohnzimmer geteilt waren. Die Gruppe war zur Hälfte zusammengesetzt aus arbeitenden Japaner*innen, zur anderen Hälfte aus internationalen Bewohner*innen, die entweder für längere Zeit in Tokyo arbeiteten, Sprachkurse besuchten, studierten oder eben ein Praktikum absolvierten. Schnell entwickelte sich eine nette Gemeinschaft, in der wir gemeinsam die Stadt entdeckten, kochten, Erfahrungen austauschten oder versuchten, Japanisch zu lernen.
Mit einer Bevölkerung, die fast so groß wie die ganz Schwedens ist, bietet Tokyo mehr zu sehen, als es in vier Monaten möglich war. Faszinierend ist der Gegensatz zwischen modernsten Vierteln wie Akihabara, in denen jede Fassade bis in den fünfzehnten Stock leuchtet und sich Arcadehallen an Katzencafes und Erotikgeschäfte reihen, und den traditionellen Tempeln und Burgen in direkter Nähe. Gerade zu Anfang waren die Möglichkeiten der touristischen Freizeitgestaltungen fast schon überfordernd, daher war ich dankbar für das Sommerprogramm des studentischen IAESTE-Kommitees, die an Wochenenden gemeinsame Spaziergänge oder Rallyes durch verschiedene Viertel oder sogar Fahrten in andere Städte organisierten. Von Seiten des Teams waren die Veranstaltungen gut besucht, sodass mir gleichzeitig auch der Austausch mit Einheimischen ermöglicht wurde, der im Büro etwas fehlte.
Zusammenfassung
Rückblickend bin ich mehr als zufrieden mit der Praktikumserfahrung. An meinen Projekten arbeitete ich mit großem Interesse und bekam sogar die spannende und lehrreiche Möglichkeit, an einer Publikation zu arbeiten. In beiden Aufgaben wurde ich herausgefordert, mir selbst neue Fähigkeiten anzueignen, ohne mit Problemen alleingelassen zu werden. Der Austausch mit Forscher*innen und Praktikant*innen erweiterte meinen Horizont auch bezüglich der Anwendungen von Computerlinguistik und bestärkt mich, mein Studium fortzusetzen. Ich konnte das Mitwirken an einem Forschungsprojekt ausprobieren und gewann einen Eindruck vom beschäftigten Arbeitsleben in der Wissenschaft – eine wegweisende Erfahrung bei der Wahl meines weiteren Bildungs- und Karriereweges. Schließlich bin ich dankbar dafür, Japan kennengelernt und viele neue Kontakte geknüpft zu haben; kurz, für einige Monate den Alltag eines anderen Landes gelebt zu haben.